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Alles ist irgendwann das erste Mal

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Es war ein irgendwie erhebendes Gefühl, als René und ich füßehochgelegterweise (schließlich heißen wir nicht von ungefähr "Füße runter Schulze") im geräumigen Fond von Gerds Luxusmobil auf dem Weg nach Kuddewörde saßen. Ich werde ja in diesem Leben kein Rockstar mehr werden, aber so gewinnt man wenigstens eine Vorstellung davon, wie jene Heroen zu ihren Konzerten anreisen.

Als Gerd von der Autobahn abbog und den Weg Richtung Kuddewörde einschlug, war mein erster Gedanke: "Hier war ich noch nie." Aber gut, alles ist irgendwann das erste Mal.

Und offenbar war ich nicht der einzige Ortsunkundige an Bord. Erst nach ein wenig Kurverei rund um die Feuerwache und Befragung einer Einheimischen fanden wir das Ziel der Reise: die Turnhalle, in der 777 Jahre Kuddewörde mit sieben Bands (naja, exakt sieben waren's dann doch nicht) gefeiert werden sollten.

Obwohl sich das ganze Szenario bei unserer Ankunft noch nicht so richtig feierlich darbot. Es war noch nicht viel los, und allseits herrschte Ernüchterung darüber, dass der HSV 0:0 gespielt hatte. Meine Trauer darüber hielt sich zugegebenermaßen in Grenzen, das für mich wichtige Spiel war am Abend zuvor mit 2:0 für die gute Seite der Macht ausgegangen. ;-)

Wesentlich erfolgreicher als der HSV präsentierten sich dann die anwesenden Musiker, allen voran Knut und Rolf, beim Einstellen des Sounds. Hatte ich zu Beginn des Soundchecks noch ein Rückkopplungs-Chaos höherer Ordnung befürchtet, so bekamen die Techniker das Ganze nach zirka 777 guten Ratschlägen von zirka 77 guten Ratschlaggebern ("dies muss lauter" ... "das muss leiser" ... "müssen wir das Schlagzeug außer der Bassdrum denn überhaupt abnehmen?" ... "da brummt immer noch was") dann doch in den Griff. Selbst ich als bekennender "Der Gesang muss zur Geltung kommen, das ist das A und O"-Fanatiker war zufrieden, und ich glaube auch, es war sogar für George laut genug.

Allmählich füllte sich die Halle, die Beleuchtung wurde festlicher, die Spannung stieg - und als besonders spannend stellte sich dann die Frage heraus, wer bei Speed-PRAMM im ersten Set das Schlagzeug bedienen sollte, da Alex' Ankunft sich verschob und wir damit rechnen mussten, dass er nicht rechtzeitig da sein würde. Peter und seine Mannen hatten nun die Qual der Wahl zwischen mehreren anwesenden Schlagwerkern. Jenfield-Axel verzichtete, und kurz nachdem Füße-runter-Boris und ich beschlossen hatten, uns das Ganze zu teilen, erledigte es sich von selbst - wenige Minuten, bevor es losgehen sollte, kam Speed-PRAMM-Alex in die Halle gestürmt. Na also.

Da Peter als Ex-Kuddewörder maßgeblich an der Organisation des Ganzen mitgewirkt hatte, durfte seine Band den Anfang machen. Und wie konnte der Abend besser beginnen als mit einem Song namens "Go, Kuddewörde, go"? Die Anwesenden nahmen diese Aufforderung wörtlich, und die Halle begann zu rocken. Speed-PRAMM taten was, wofür ihr Bandname steht: Sie gaben Gas. Für mich sind sie so etwas wie die "Canned Heat des Kamm-In-Bandwesens": Ihre Musik ist nicht unbedingt eine Tour de Force in punkto Virtuosität, aber das, was sie machen, machen sie konsequent und intensiv.

Als zweiter Act bestiegen dann Leisure Time die Bühne - jene Band, die ich immer wieder sehr gern höre, auch wenn ich selbst keinerlei Ambitionen habe, solche Musik zu machen. Auch und gerade hier zeigte sich, dass die Soundingenieure ganze Arbeit geleistet hatten: Bouzouki und Banjo kamen sehr gut zur Geltung, zumindest für meine Ohren.

Und nun waren wir an der Reihe - Füße runter Schulze. Natürlich nicht, ohne gleich im ersten Stück eine besonders exquisite Duftnote zu hinterlassen. Am Ende des Songs hielt Boris die Snare-Drum hoch, damit jeder sehen konnte, was er vollbracht hatte, nämlich, das Fell durchzuprügeln. Laut eigener Aussage zum ersten Mal in seiner langjährigen Trommlerkarriere. Aber gut, alles ist irgendwann das erste Mal.

Zum Glück war eine Ersatz-Snare vor Ort, und es konnte gleich weitergehen. Das Urteil über unsere Vorstellung überlasse ich natürlich dem Publikum. Ich hoffe, dass die Geduld der Dame, die gleich zu Beginn nach den "Hausfrauen" rief, nicht damit überstrapaziert wurde, dass dieser Song erst im zweiten Set stattfand. ;-)

Nach uns kam das Pumpwerk. Die einzige der beteiligten Bands, die ich noch nie gesehen hatte. Und nachdem die Jungs sich bereits beim Soundcheck als supernette Zeitgenossen herausgestellt hatten, präsentierten sie sich nun auch als klasse Musiker mit einem druckvollen Sound (das pumpte richtig, auch diese Band trägt ihren Namen zu Recht) und einer großen Überraschung im Set: Mit dem Police-Cover hätte ich angesichts der Songs, die sie vorher spielten, nie gerechnet.

Schließlich und endlich: Jenfield, die Band mit dem Gesangsduo Daniela/Knut, dessen bekennender Fan ich bin. Und heute mit "unserem" René an der Gitarre. Nun konnte ich ihm mal beim Gitarrespielen zuhören, ohne selbst spielen zu "müssen". Dazu hatte ich in den acht Jahren, in denen ich mit ihm musiziert habe, nicht häufig die Gelegenheit gehabt (Wohnzimmer-, Terrassen- und Kamm-In-Sessions mal ausgenommen). Den größten Paukenschlag fabrizierte allerdings keiner der Genannten, sondern George, als er die E-Saite (!) seiner Bassgitarre ins Jenseits beförderte. So etwas hatte ich noch nicht gesehen, geschweige denn selbst vollbracht - aber gut, alles ist irgendwann das erste Mal.

Womit dann alle sieben Bands - naja, wie gesagt, exakt sieben waren es nicht - mit ihrer ersten Halbzeit durch waren. Auch die zweite Hälfte wurde von Speed-PRAMM eröffnet, diesmal ohne Kuddewörde-Song, aber mit mindestens genausoviel Dampf wie im ersten Set. Anschließend wieder Leisure Time, die mir diesmal sogar die Ehre verschafften, ein Stück mitspielen zu dürfen, weil sie einen Schlagzeuger brauchten. Ich hoffe, ihr wart einigermaßen zufrieden, I did my very best. ;-)

Danach durfte ich dann nochmal mit "meinem" Orchester, und für die Schlussnummer - den "Hippie", unsere Version von "Sympathy For The Devil" - schlug Boris vor, dass wir Max, den Percussionisten von Speed-PRAMM, hinzunehmen. Daniela wurde ebenfalls akquiriert (Schellenkranz und "Whoo-whoo"), und als sich dann auch noch Rolf hinzugesellte, waren wir zu siebt auf der Bühne - absoluter Bandrekord.

Anschließend gab es die zweite Vorstellung des Pumpwerks, und als Showdown schließlich noch einmal Jenfield. Die sich den strategischen Vorteil als letzte Band dann dahingehend zunutze machten, dass sie nicht eine oder zwei, sondern zirka hundertdrölf Zugaben spielten. Diejenigen, die bis zum Schluss blieben, mögen Jessica, Gerd, René, Boris und mir verzeihen, dass wir gegen drei Uhr dann so langsam mal nach Hause wollten. Vielleicht hätte ich länger durchgehalten, wenn ich nicht am Abend zuvor das eingangs erwähnte 2:0 gegen Wilhelmshaven ausgiebig gefeiert hätte. Es war das erste Mal, dass ich eine Kamm-In-Veranstaltung zu einem Zeitpunkt verließ, zu dem noch laute Musik gemacht wurde und viele Leute da waren - aber wie gesagt, alles ist irgendwann das erste Mal.

Mein ausdrücklicher Dank - und das ist im Gegensatz zu einem Großteil dieses Berichtes jetzt absolut ernst gemeint - gilt allen, die dafür gesorgt haben, dass diese Feier stattfinden konnte. Namen möchte ich keine auflisten, da es a) endlos viele würden und b) trotzdem die Gefahr bestünde, dass ich jemanden vergesse. Ach ja, mein erster Auftritt als Musikerin war's übrigens auch - Peter möge Daniela und mir nachsehen, dass wir die Geschichte mit den Beschriftungen "Musikerin" und "Musiker" auf den Backstagepässen nicht so richtig ernst nehmen konnten und die Dinger getauscht haben. Meine "Musikerin" hängt jetzt im Wohnzimmer am Regal - als Erinnerung an einen tollen Abend.

Michi

musikerin